Graphic Recording © Camilo Melgar
16.10., 13.11. und 27.11 2025
Berthold Molden & Marcela Torres
Viena Latina betritt immer wieder Neuland bei dem Vorhaben, Räume der Migrationserinnerung zu erkunden und zu erweitern. Das war auch bei den drei „Workshops der kollektiven Erinnerung“ der Fall, die im Oktober und November stattfanden. Ziel dieser Workshops war, die Unterschiede und Verbindungen zwischen individuellen Erinnerungen und kollektivem Gedächtnis auszuloten. Das geschah in drei Schritten.
- Workshop: Vom individuellen zum kollektiven Gedächtnis
Zuerst die individuelle Arbeit: Nach einer Einführung zu den Konzepten kollektiver Erinnerung und zur Praxis der Oral History und den kollektiven Ansätzen von Viena Latina – erhielt jedeR Teilnehmer*in Exzerpte aus zwei Oral History-Interviews, die im Rahmen von Viena Latina geführt worden waren. Dessen Lektüre sollte den eigenen Erfahrungen gegenübergestellt werden. Erging es mir ähnlich? Oder anders? Dabei wurden die Teilnehmer*innen durch einige Themen und Fragestellungen unterstützt, die das Workshop-Team vorbereitet hatte.

Der zweite Schritt geschah in Arbeitsgruppen, in denen die Gedanken der Einzelnen ausgetauscht wurden. Diese Gruppendiskussionen machten Gemeinsamkeiten und Differenzen zwischen den individuellen Erfahrungen sichtbar – und diese Diversität im Gemeinsamen ist eben eine der wichtigsten Eigenschaften jeder Erinnerungsgemeinschaft. Jede Gruppe dokumentierte ihre Diskussion und übergab diese Protokolle dann dem Workshop-Team.

Gruppendiskussionen am 13.11.2025.

Im dritten Workshop wurde der kollektive Rahmen auf die gesamte Gruppe ausgeweitet. Zunächst präsentierte jede Arbeitsgruppe ein Poster, auf dem ihre Diskussion zusammengefasst war. Dann verlegten wir den Prozess von den Köpfen in den Raum: Auf dem Boden waren zwei große „Rahmen der Erinnerung“ vorbereitet, die einander überlagerten. Der eine Rahmen war geographisch-kulturell ausgerichtet (Lateinamerika, Herkunftsland, Wien/Österreich, internationaler Kontext), der andere intersektionell-gesellschaftlich (Geschlecht, Generation, ethnischer Hintergrund, Generation). Die Teilnehmer*innen schrieben zuerst wichtige Schlagworte zu ihrer Erfahrung auf Zettel, die sie – jeweils in Paaren – in diesem doppelten Koordinatensystem platzierten. Und schließlich positionierten sie sich selbst in diesem Spannungsfeld von Faktoren, welche die Erinnerung an Migration mitbestimmen. Dieser Prozess wurde vom guatemaltekischen Graphikkünstler Camilo Melgar mit der Methode des Graphic Recording begleitet.


Erste Einblicke in das Grafik-Recording am 27.11.2025. © Marcela Torres
Die drei Workshops eröffneten einen neuen Raum für Austausch über lateinamerikanisch-karibische Migrationserinnerung, in dem es um respektvolles Kennenlernen ging, während urteilende und wertende Reaktionen (selbst)kritisch hinterfragt wurden. Den an der Konzeption mitarbeitenden Citizen Scientists und den Teilnehmer*innen war von Beginn an klar, dass es sich um ein experimentelles Format handelte. Gemeinsam erkundeten wir die Möglichkeiten, uns der kreativen Spannung zwischen individuellem und sozialem Erinnern anzunähern und damit der Frage nachzugehen: Worin besteht das gemeinsame am kollektiven Gedächtnis?
To be continued!