
¡Willkommen bei Ni Una Menos Austria !
«Letztendlich ist der Feminismus so entstanden: unter Frauen, die miteinander sprechen, ihre Erfahrungen austauschen und einander zuhören und so verstanden haben, dass hinter den persönlichen Erfahrungen die gemeinsame politische Erfahrung steht».
Sharon über Sororität – Ni Una Menos Austria
Ni Una Menos Austria ist eine gemeinnützige, politisch unabhängige, dekoloniale, queer-feministische Aktivist:innengruppe, die seit 2017 in Wien für Sensibilisierung, Prävention und Sichtbarkeit von patriarchaler Gewalt arbeitet.
Unsere Stimmen schreien „Stoppt den Femizid!“
Unsere Aktionen sind inspiriert von der Ni Una Menos-Bewegung in Lateinamerika, die 2015 in Argentinien begann und sich seitdem als globale Artikulation von Feminismen in ihrer Vielfalt konsolidiert hat.
Femizide bei ihrem Namen zu nennen, ist selbst eine Revolution. Femizid ist nicht nur ein Wort, sondern eine politische Position, die geschlechtsspezifische Gewalt als strukturelles Problem der Gesellschaft und nicht als Folge von Leidenschaft, Liebe oder emotionalen Überreaktionen entlarvt.
Unsere Aufgabe ist es, dem, was durch Schweigen, Scham, Unterdrückung und Gewalt unsichtbar gemacht wurde, einen Namen zu geben. Unser Ziel ist es, die Begriffe „Femizid“ und „Sorority“ als politische Kategorien in die gesellschaftspolitische Diskussion einzubringen, strukturelle geschlechtsspezifische Gewalt zu verhindern und gemeinsam die Gegenwart und die Zukunft aus einer queer-feministisch-dekolonialen Perspektive neu zu überdenken.
Wir tun dies durch verschiedene Arten von Kunstaktionen und Demos im öffentlichen Raum, Workshops zur Prävention von geschlechtsspezifischer Gewalt, Filmvorführungen, Konferenzen, die Veröffentlichung von Artikeln sowie durch unsere Gruppentreffen, bei denen wir gemeinsam reflektieren, kollektive Textbeiträge schreiben und Know-how austauschen.
Wir sind stolz darauf, gemeinsam mit anderen Organisationen, Personen und Kollektiven die Ni Una Menos Platz in Wien realisiert zu haben, einen Ort der Erinnerung an die Opfer von Femiziden und der Anerkennung unserer Stadt für die lateinamerikanische Frauen- und Diversitätsbewegung gegen geschlechtsspezifische Gewalt.
Jedes Jahr am 3. Juni zelebrieren wir den Jahrestag der Bewegung mit Solidaritätsaktionen, bei denen wir auf unserem „SororaFest“ Spenden für verschiedene soziale Organisationen in Südamerika sammeln.
Wir tanzen als eine Form des Widerstands. Wir begreifen den Körper der Frauen* als ihr eigenes Territorium, nicht als Kriegsbeute, Brutkasten oder Trophäe, sondern als Raum für Aktion und Protest, als Feier des Lebens und der Genuss.
NUM Austria hat einige sehr unterschiedliche Merkmale gegenüber dem Aktivismus in unseren Herkunftsländern. -Argentinien, Österreich, Bolivien, Brasilien, Chile, Kolumbien, España, Guatemala, Italien, Mexiko, Portugal, Perú, Serbien, Deutschland, Türkei, Uruguay und Venezuela-. In dieser Stadt, in der wir als neue Heimat leben, ist es ein Aktivismus vom Rande, denn die Bewegung ist nicht hier entstanden, sondern wir haben sie „verpflanzt“ und „übersetzt“. Hier finden wir uns in einem Zusammenfluss von Sprachen und Formen des Aktivismus aus jeder unserer Geburtsorte wieder, was zwar sehr bereichernd, aber manchmal auch nicht so einfach zu artikulieren ist. Ni Una Menos Austria ist zu einem Treffpunkt für arbeitende Migrantinnen geworden. In diesen acht Jahren waren 60 Personen aus 17 Ländern aktive Gruppenmitglieder. Sie diente als Inspiration und Unterstützung für einige Kolleginnen, die selbst mehrere neue Initiativen in den Bereichen Aktivismus, Musik, Forschung und Kunst ins Leben riefen.
Wir fordern das Recht auf ein Leben ohne Angst. Wir fordern, die normalisierte Missbrauchskultur zu beenden, in der wir leben und die sogar die natürlichen Ressourcen auf unserem Planeten beeinträchtigt, und sie in eine Vision des „guten Lebens für alle“ zu verwandeln. Ein Leben in Würde,frei von Unterdrückung, Kolonialismus, Entmenschlichung, Diskriminierung und Gewalt. mit Gleichheit für die ganze Vielfalt unserer Menschheit, „eine Welt, in der viele Welten Platz haben“, wie die Zapatisten sagen.
Deshalb schreien wir:
¡Ni Una Menos, vivas y libres nos queremos!
Nicht eine weniger, wir wollen sie lebendig und in Freiheit sehen!
Kontakt niunamenos.austria@gmail.com
www.osterreichnum.wordpress.com

Foto © Marisel Orellana Bongola
Warum ist es wichtig, sich auf die Arbeit zur historischen Erinnerung der lateinamerikanischen Gemeinschaften in Wien zu konzentrieren?
Wir freuen uns sehr, Teil dieses gemeinsamen Projekts zu sein, das uns dazu anregt, uns dem Fluss der Erinnerung mit seinem ständigen Wandel anzuschließen. Es ermöglicht uns heute wie auch den verschiedenen Generationen zuvor eine reflektierte Auseinandersetzung mit unserer Geschichte in der Diaspora. Denjenigen, die sich dem Wissen über unsere Gemeinschaft öffnen möchten, bietet es eine greifbare Aufzeichnung gemeinsamer Erfahrungen und Spuren der Menschlichkeit.
Die historische Erinnerung in Lateinamerika ist der einzige lebendige Rest unserer Kulturen, da während der Kolonialzeit und auch während der Diktaturen des 20. Jahrhunderts viele der schriftlichen und praktischen Erinnerungen verloren gegangen sind. Die indigene Identität und Geschichte werden mündlich von Generation zu Generation weitergegeben. Sie versuchen, nach mehr als 500 Jahren Kolonialismus und ebenso vielen Jahren der Revolution und politischen Stabilisierung bis heute am Leben zu bleiben. Die Bewahrung dieses Gedächtnisses lässt uns den Ursprung unserer Gemeinschaften und ihre Entwicklung verstehen und hält die kulturelle Vielfalt und den Reichtum in den Herzen der Lateinamerikaner lebendig, wodurch sie unsere Gemeinschaften angesichts der Herausforderungen der heutigen Welt und der kommenden Generationen zu Kampf und Mut inspirieren.
Wahrscheinlich haben die Beiträge und die Erinnerung der lateinamerikanischen Gemeinschaften in Wien bisher weder eine angemessene historische und wissenschaftliche Anerkennung noch eine überzeugende Sichtbarkeit in Bezug auf all das Vielfältige, Lebendige und Heterogene erfahren, das sie seit mehreren Jahrzehnten leisten. Das Erbe der lateinamerikanischen Diaspora wurde unter dem Argument, dass es sich „um eine Minderheit unter den Minderheiten in Österreich handelt”, unsichtbar gemacht. Es wurde exotisiert. Es wurde als unumstößlicher Teil der Sozial- und Pflegedienste als Arbeitsmigranten und -migrantinnen abgestempelt.

Foto © Claudia Ziegler
In Kunst und Kultur waren die lateinamerikanischen Beiträge in unzähligen sozio-historischen Momenten des Landes von entscheidender Bedeutung. Im Bereich des Aktivismus haben wir in den letzten 10 Jahren eine wichtige Rolle im Rahmen der Sichtbarmachung und politischen Teilhabe gespielt, dennoch wurden wir noch nicht wirklich als politische Subjekte angesehen, was die zu Recht geforderte und noch wenig dokumentierte Situation im sozio-politischen Kontext der österreichischen Gesellschaft betrifft. Im ökologischen, feministischen, antirassistischen und sozialen Bereich möchten wir heute gemeinsam mit Ihnen besonders an die geschätzte Cristina Boidi erinnern, die während der letzten argentinischen Diktatur ins Exil ging und LEFÖ gründete, sowie an kürzere, aber bedeutende Initiativen für Erinnerung, Wahrheit und Gerechtigkeit der Gruppe Encuentro Austria und der Lateinamerikanischen Versammlung in Wien.
Die Bedeutung des Ansatzes der historischen Erinnerungsarbeit spielt in diesen quasi-dystopischen Zeiten, die wir gerade durchleben, eine wesentliche Rolle.
Was bedeutet „Gerechtigkeit“ im Kontext von Femiziden?
Perspektiven auf Gerechtigkeit. Welt im Ohr Sendung 2025
Kollektive Reflektion von Ni Una Menos Austria für die Radiosendung “Welt im Ohr” – OEAD – Ö1/ Campus
Es ist eine komplexe Frage, weil es nicht nur um „Bestrafen“, sondern auch um umfassende Gesetze und Bestimmungen zur Prävention, zum Schutz, zur Untersuchung und zur Entschädigung der Opfer geht. Und auch weil man nichts mehr machen kann, ist einmal das Leben verloren gegangen.
Grundsätzlich erfordert die Einstufung von Femizid als solcher im Gesetz zunächst einmal, dass Morde an Frauen nicht mehr als „Familiendramen“, „Ehrenmorde“ oder „Verbrechen aus Leidenschaft“ betrachtet werden, allesamt Begriffe, die die Täter rechtfertigen.
Der Begriff „Femizid“ hingegen verändert die Perspektive und erklärt ihn zu einer Form der Unterordnung und Diskriminierung von Frauen, sodass die Strafe nicht aufgrund von „Beziehungsdramen” gemildert, sondern als extremste Form der Gewalt gegen Frauen und Hassverbrechen verschärft wird.

18 lateinamerikanische Länder haben seit 2010 etwa ein Femizid-Gesetz.
Europa: 2021 führte Zypern den Femizid als eigenen Straftatbestand ein, 2022 kam Malta dazu. Im März 2024 folgte mit Kroatien das dritte EU-Land. Im Juli 2025, Italien.
Man kann auf verschiedene Ebene über Gerechtigkeit im Bezug auf dieses Thema auch denken und agieren:
* Gerechtigkeit für den Familien der Opfer: durch finanzielle Unterstützung für die Waisenkinder, deren Mütter ermordet wurden.
* Gerechtigkeit in der Kultur des Gedenkens an die Opfer: Bedeutung des Platzes „Ni Una Menos” (Nicht eine weniger) zum gemeinsamen Gedenken und kollektiven Trauern um alle Opfer von Frauenmorden, aber auch als Anerkennung der Stadt Wien für den Kampf der NUM-Bewegung für Gerechtigkeit und gegen jede Art von geschlechtsspezifischer Gewalt.
* Victim Blaming stoppen: Über das kulturelle Konstrukt um die Opfer, ihren Körper, ihr Leben und ihre sogenannte “selber Schuld” zu sein, die die Kommunität bearbeiten und dekonstruieren soll.
* Rolle des Journalismus, der Medien und rechtlichen Akteure: durch die Art und Weise, wie Medien über diese Fakten berichten: victim blaming. Über die Präsenz von Informationen und/oder Interpretationen über den Täter und seine Rechtfertigung.

