Autorin: Carla Bobadilla
Übersetzung: Mara Wegenschimmel
Unter der Nutzung von Daten aus georeferenzierten Interviews, die von den Citizen Scientists im Bereich Oral History gesammelt wurden, hat das Team rund um die Methode Stadtspaziergänge drei partizipative Routen entwickelt, die die Erfahrungen und Geschichten der lateinamerikanischen und karibischen Community in Wien erzählen. 10 Monate lang erhielten die Citizen Scientists des Bereichs Stadtspaziergänge methodologische und praktische Schulungen.
Die Arbeit begann im Februar 2025, nachdem sich die Gruppe an teilnehmenden Citizen Scientists formiert hatte. 14 Personen aus verschiedenen Ländern Lateinamerikas und der Karibik mit unterschiedlichen beruflichen Erfahrungen bildeten die Gruppe. Carla Bobadilla, Forscherin und Leiterin des Bereichs Stadtspaziergänge, war im folgenden Monat für das Anhören und Verarbeiten von 70 Audiodateien der entstandenen Interviews verantwortlich. Die vorläufigen Daten wurden darauf mit den Citizen Scientists geteilt. Die Mitarbeit der Citizen Scientists war essenziell für die Kartierung und Implementation der Stadtspaziergänge, welche für August bis Oktober 2025 geplant waren.
Erster Methodik-Workshop mit den Citizen Scientists
Das erste Treffen der Citizen Scientists erfolgte im März 2025. Hauptziel des Workshops war es, die Methode der Stadtspaziergänge kennenzulernen. Es wurden verschiedene Projekte aus Europa und Lateinamerika analysiert, welche mit Kritischer Kartographie, Stadtspaziergängen und künstlerischen Interventionen im öffentlichen Raum arbeiten.

Öffentlicher Kick-off-Event
Im April 2025 wurde eine öffentliche Veranstaltung in der Akademie der bildenden Künste Wien abgehalten. Ziel des Events war einerseits die Vorstellung der Methodik und andererseits eine Einladung an die Teilnehmer*innen, ihre eigenen Orte in der Karte zu verorten. Pêdra Acosta begleitete diese Übung mit Musik und Ritualen, um ein intimes Ambiente für das Projekt zu schaffen und somit die Verbindung zu den eigenen erlebten Erfahrungen in der Stadt zu erleichtern. Aus diesem Treffen entstanden im Projekt neue Kategorien wie beispielsweise „Wundervolle Orte, an denen ich mich in die Stadt verliebt habe“ und „Orte, die mich aufgrund ihrer Feindseligkeit dazu bringen, sie verlassen zu wollen“.

Vertiefende Workshops und Gestaltung der Routen
Im Mai und Juni gab es zwei Workshops, die zur Festlegung der Routen durch die Stadt dienten. Dafür wurden Konzepte der Kritischen Kartographie angewandt, welche Initiativen wie dem Kollektiv Transductores aus Barcelona und dem Kollektiv Orangotango aus Berlin nachempfunden waren. Für das Festlegen der Orte und Stationen auf der Route war es wichtig zu bedenken, für welchen Monat der jeweilige Spaziergang vorgesehen war. Zum Beispiel war es für den ersten Spaziergang wichtig, dass er an einen kühlen Ort stattfand, wenn möglich nahe der Donau. Für den letzten Spaziergang im Oktober war es wiederum entscheidend, dass er mit einem Zeitpunkt zusammenfiel, an dem Aktivitäten für die Gruppe zum Thema Kolumbus und die Erinnerung an die Entdeckung Amerikas geplant waren.
So wurden in diesen zwei Treffen mit den Citizen Scientists die Informationen, die durch die Georeferenzierung erhalten wurden, in konkrete Routen durch die Stadt umgewandelt. Jede Route hatte sechs oder neun Stationen, an denen die Themen, die sich aus den Interviews ergaben, angesprochen werden: etwa Arbeitsorte; jene Orte sowie Kulturräume, die Erinnerungen an Lateinamerika und die Karibik hervorrufen; Orte, an denen Diskriminierung erlebt wurde und Orte, an denen politisches Empowerment erlebt wurde.

Probespaziergänge
Im Juli wurden drei Zeitpunkte für die Durchführung der Probespaziergänge festgelegt. Wichtig war es, zu bedenken, wie viel Information zu jedem der Orte gegeben werden sollte und somit, wie lange jede Station dauern würde. Geklärt werden mussten außerdem die Anreise, wie viel Zeit zwischen den Stationen notwendig war und ob für die Zeiträume zwischen den Stationen zusätzliche Aufgaben gegeben werden konnten; zum Beispiel Fragen bezüglich des Begriffs „exotisch“ oder, wo man Zutaten für Lieblingsgerichte kaufen kann. Diese Probespaziergänge waren äußerst erfolgreich für die Festigung des Vertrauens zwischen den Arbeitsgruppen, weil jeweils drei oder vier Personen für jeden Spaziergang verantwortlich waren. Zudem stärkten die Proben das Selbstvertrauen der Teilnehmer*innen, um vor anderen sprechen zu können.

Vorbereitung des Lehrmaterials zur Begleitung der Spaziergänge
Zusätzlich zur Vorbereitung der Routen waren die Teilnehmer*innen mehrere Wochen mit der Erstellung von didaktischen Materialien beschäftigt. Texte wurden verfasst und übersetzt sowie Bilder zu den Orten gesucht. Es wurden partizipative Fragen zusammengestellt und an einem umfassenden Design für die Fanzines gearbeitet, mit denen es für die Öffentlichkeit möglich sein wird, zusätzliche Informationen zu jeder Route zu erhalten.
Zusätzlich zum Design und der Vorbereitung der Fanzines wurden auch kleine Papierbeutel mit kulinarischen Produkten vorbereitet. Die Idee dahinter war es, den Genuss eines bekannten Geschmacks zu nutzen, um die präsentierten Inhalte zu unterstreichen. Zum Beispiel wurde in die Station, die die Arbeit der Band Maracatú Nossa Luz– die früher jeden Freitag am Urban-Loritz-Platz ihre Proben abhielt- präsentieren soll, die Spezialität paçoca eingebaut.
Diese Elemente bildeten einen wesentlichen Teil der Arbeitsmethode, um den Körper und seine Bedürfnisse in den Vordergrund zu stellen. Passend zu diesem Fokus wurden viele der Stationen von Performance-Elementen begleitet, zum Beispiel Tanzen vor der Disco El Danzón, Singen von Liedern von Mercedes Sosa vor dem Lokal Mi Barrio oder Vortragen von einem der Lieder aus dem Repertoire von Maracatú.

Feiern als Methode
Nach jedem Spaziergang wurde gemeinsam gefeiert, über die vollbrachte Arbeit reflektiert und Verbindungen zu den Besucher*innen geschaffen. Es wurde brasilianisches, mexikanisches und venezolanisches Essen serviert und einer Playlist mit Liedern zum Thema Migrationserfahrungen zugehört.

Kommentare
Im Oktober 2025 gab es ein erneutes Treffen. Einige Rückmeldungen, die die Citizen Scientists dort erhielten, bezogen sich auf die ruhige, gemäßigte und respektvolle Art, auf die die Workshops geführt und die Gruppen geleitet wurden. So konnte ein Raum der Interaktion und des Lernens voneinander geschaffen werden, in dem Entscheidungen gemeinsam getroffen wurden und sich nach den Ressourcen der Gruppe gerichtet wurde, ohne mehr zu verlangen, als für die Gruppe möglich war.


