Autorin: Carla Bobadilla
Während den Stadtspaziergängen von Viena Latina wurden zur Gestaltung der Routen unterschiedliche künstlerische Methoden genutzt, etwa gemeinsame Performances, Storytelling (Oral History) und Interventionen im öffentlichen Raum. Die Teilnehmer*innen wurden dazu eingeladen, durch diese Methoden mit ihren eigenen Körpern, Stimmen und Erfahrungen zu experimentieren und gemeinsame Reflexionsmomente zu teilen.
Schlüsselmomente in urbanen Räumen
Einige dieser Momente ergaben sich aus den Aktivitäten der lateinamerikanischen Community an den besuchten Orten – in diesem Fall zum Beispiel an den Stufen der Hauptbücherei am Urban-Loritz-Platz, wo sich früher die Perkussionsband Maracatú Nossa Luz jeden Freitag getroffen und dort gespielt hat, bevor das Spielen von metallischen Schlaginstrumenten in der Öffentlichkeit verboten wurde. Während des zweiten Stadtspaziergangs von Viena Latina wurde an diesem Ort paçoca serviert, eine brasilianische Süßigkeit aus Erdnüssen, dazu wurde einer Erzählung unserer Citizen Scientist Ariela Oliveira zugehört, die auch Mitglied der Band ist. Zum Schluss wurde ein Liedtext gelesen und danach gemeinsam gesungen, vor den Menschen, die vorbeigingen und stehenblieben, um uns zu beobachten. Ein Lied an einem öffentlichen Ort aufzuführen, der normalerweise nicht für solche Dinge gedacht ist, schuf in diesem Fall einen eindrucksvollen Moment voller Vibration und Ermächtigung, vor allem dank des Enthusiasmus, den die Anwesenden vor Ort zeigten.
Ein weiterer Moment ergab sich vor einem der berühmtesten Salsa-Lokale Wiens: Floridita, das 2011 neu übernommen und in Danzón umbenannt wurde. Abgesehen von Salsa wird dort jetzt auch Bachata und Reggaeton getanzt. In diesem Lokal hat die Citizen Scientist Elena Ritschard von der Geschichte des Ortes erzählt und die Teilnehmer*innen dazu eingeladen, zum Rhythmus eines Liedes von Celia Cruz zu tanzen. Die Teilnehmer*innen waren anfangs etwas schüchtern, haben dann aber zu tanzen begonnen und eine Art Tanzzug gebildet, was bei den vorbeigehenden Menschen viel Aufmerksamkeit erzeugt hat.
Gemeinsame Reflexion und Lernpfad
Die gemeinsamen Reflexionssessions, die während der Spaziergänge und an den unterschiedlichen Stationen durchgeführt wurden, boten Gelegenheiten zur Erhebung zusätzlicher Informationen und zur Vertiefung der vorgeschlagenen Themen. Viele Teilnehmer*innen der drei Stadtspaziergänge teilten ihre eigenen Erinnerungen und Erfahrungen zu den besuchten Orten sowie ihr Verhältnis zu ihnen im Laufe der Zeit: Kirchen, Restaurants, Gemeinschaftszentren, Märkte, aber auch Denkmäler, Museen und Konzertsäle. Manche Leute haben sogar Informationen ausgebessert und hinzugefügt. Dies erzeugte gemischte Gefühle, vor allem dann, wenn es um Heimweh nach dem Herkunftsland und um den Wunsch nach Anerkennung am neuen Lebensmittelpunkt ging.
Reflexionen während der Spaziergänge und danach:
- Obwohl sich die Spaziergänge durch die Orte und Themen voneinander unterschieden, könnte man in Zukunft existierende Geschichten noch weiter vertiefen, zusätzliche Orte in der Nähe der Routen einbauen und so (…) noch repräsentativer zu machen.
- Es könnten mehr partizipative Elemente und Momente der Reflexion eingebaut werden, um Interaktionen zwischen den TN zu fördern und dadurch ein kollektives Wissen zu schaffen.
- Die Momente, an denen Musik zum Singen und Tanzen eingebaut wird, kamen gut an. In Zukunft wäre es gut, andere Kunstformen einzubauen, wie etwa Poesie oder bildende Kunst, um auf den Spaziergängen kreative Momente zu schaffen.
Abschließende Treffen und partizipative Dokumentation
Die abschließenden Treffen nach jedem Spaziergang waren von Kulinarik aus unterschiedlichen Regionen begleitet, zum Beispiel von brasilianischen salgadinhos, venezolanischen tequeños und mexikanischen esquites. Dazu gab es Musik, die auf der gemeinsamen Spotify-Playlist „Migrante soy“ geteilt wurde. An diesen Veranstaltungen nahmen auch Leute teil, die zufällig vorbeikamen, durch die Musik und das Essen neugierig geworden sind, Interesse am Projekt zeigten und Gespräche eröffneten.
Ein weiteres Begleitelement auf den Stadtspaziergängen war ein Fanzine mit Informationen zu den besuchten Orten sowie Fotos in verschiedenen Farben je nach Konnotation des jeweiligen Ortes. Zum Beispiel: „ein Ort, der mich an Lateinamerika erinnert“, „ein Ort der politischen Ermächtigung“ oder „ein Ort, an dem ich Exklusion erlebt habe“. Diese Informationen waren von Hashtags (#) begleitet, sowie von Fragen, die beantwortet werden konnten und sich auf die Bedeutungen der Hashtags und der besuchten Orte bezogen. Dies verlieh den Fanzines einen partizipativen Charakter. Für jeden der Spaziergänge gibt es ein eigenes Fanzine, das von der Website heruntergeladen und ausgedruckt werden kann; sie sind auf Spanisch, Deutsch und Portugiesisch verfügbar.
Die TN waren dankbar gegenüber der Initiative von Viena Latina und der Stadtspaziergänge, weil sie ein Motor für kritisches Denken waren; gleichzeitig waren sie auch ein Ort der Zusammenkunft mit einem einzigartigen Thema: Sichtbarkeit des lateinamerikanischen und karibischen Lebens in Wien. Wir hoffen und freuen uns auf zukünftige, regelmäßige Wiederholungen der Stadtspaziergänge von Viena Latina, mit zusätzlichen Orten, Routen und Informationen, um diese neue Tradition der Dekonstruktion der Stadt aus dem eigenen Blickwinkel fortzuführen. Sie sind herzlich dazu eingeladen, die Dokumentation der Spaziergänge auf unserer Website anzusehen und die Fanzines herunterzuladen.
*Fanzine, oder einfach Zine, ist eine Art kleinformatige, normalerweise fotokopierte Publikation, die sowohl von künstlerischen Bewegungen als auch von Aktivist*innen verwendet wird. Die Zines der Stadtspaziergänge können über den folgenden Link angesehen und heruntergeladen werden: Stadtspaziergänge – Viena Latina

