Was ist der Bereich der Oral History? – Erste Herausforderung

Rayen Cornejo Torres, Foto © Carolina Frank
Der Bereich „Oral History“ des Projekts „Viena Latina“ entstand aus einer tiefen Überzeugung heraus: Jede Geschichte zählt. Die Geschichte derjenigen, die vor vierzig Jahren hierherkamen, ist ebenso wichtig wie die derjenigen, die erst vor wenigen Monaten angekommen sind. Die Geschichte derjenigen zählt, die aus Liebe, wegen der Arbeit, zum Studium oder aus Not ausgewandert sind. Die Geschichte derjenigen ist wichtig, die hier mit lateinamerikanischen Wurzeln aufgewachsen sind, ebenso wie die derjenigen, die diese Wurzeln gerade erst schlagen. Daher war der Bereich der Oral History in erster Linie ein Akt der Anerkennung persönlicher Migrationserfahrungen.
Es wurden mehr als 71 biografische Interviews mit Menschen unterschiedlichen Geschlechts, Alters und Berufs sowie aus 19 Ländern Lateinamerikas und der Karibik dokumentiert. Die Auswahl der Stichprobe erfolgte stets nach dem Prinzip der Heterogenität, das heißt, es ging nicht darum, eine einheitliche Version der Vergangenheit zu dokumentieren, sondern ein Mosaik aus Stimmen, das die Vielfalt unserer Lebenswege widerspiegelt. Daher bestand die Herausforderung dieses Schwerpunkts nicht nur in der Dokumentation, sondern war auch eine politische und emotionale Geste. Es ging darum, unserer Gemeinschaft zu sagen, dass ihre Erfahrungen wertvoll sind, dass ihre Erinnerung Pflege verdient und dass ihre Stimme einen Platz hat.
Diese Arbeit wäre ohne das Team aus 34 Citizen Scientists nicht möglich gewesen – Mitglieder der Gemeinschaft, die in der Methode der Oral History geschult wurden. 32 von ihnen führten Interviews durch, die anderen beiden unterstützten bei der Bearbeitung, Übersetzung und Logistik.
Die Oral History-Methode war der zentrale Ansatz zur Gewinnung von Informationen, um verschiedene partizipative Angebote von „Viena Latina“ zu bereichern: Hervorzuheben sind unter anderem die von Berthold Molden gemeinsam mit Marcela Torres geleiteten Collective Memory-Workshops; die von Carla Bobadilla geführten Stadtrundgänge; das von Berthold Molden koordinierte digitale Archiv; die Auswahl von Zitaten aus den Interviews, die in der Ausstellung im Wien Museum präsentiert wurden, die Gründung des Oral-History-Kollektivs und die Aufführung der Performance „Baum der Erinnerungen“ durch dieses Kollektiv.
Ich danke den über 100 Teilnehmer*innen von ganzem Herzen, die diesen Schwerpunkt ermöglicht haben. Ihre Beiträge, ihre Zeit und ihr Vertrauen bildeten das Herzstück dieses Projekts.
Rayen Cornejo Torres, Co-Direktorin von Viena Latina
und Leiterin des Arbeitsbereichs Oral History bei VIELAC
